Page 143 - EMF von Stromtechnologien
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 EMF von Stromtechnologien
2012) nachgewiesen.
Während die wissenschaftliche Literatur primär die lokale Bindung von Individuen untersucht, erfährt die gefühlte Bindung auf nationaler sowie globaler Ebene eher wenig Berücksichtigung (Batel, 2018; Devine-Wright & Batel, 2017), wenngleich erste Ergebnisse nahelegen, dass ein solcher Fokus noch differenziertere Erkenntnisse liefern könnte. So scheinen jüngere, politisch Mitte bis Links ausgerich- tete Menschen tendenziell globale Zugehörigkeit zu verspüren. Sie weisen eine hohe Sensibilität für den Klimawandel auf und haben eine positivere Einstellung gegenüber erneuerbaren Energien, der Dezentralisierung des Versorgungsnetzes sowie der Etablierung eines europäischen Netzes. Auch Menschen, die sowohl auf lokaler, nationaler und globaler Ebene eine starke Verbundenheit verspü- ren, weisen eine hohe Sensibilität für Klimafragen auf und sind einem europäischen Stromnetz gegen- über positiv eingestellt. Sie sind tendenziell älter und äussern eine hohe Handlungsbereitschaft, so- wohl hinsichtlich der Reduktion ihres Energiebedarfs als auch bei der Unterstützung oder Verhinde- rung neuer Stromtrassen (Devine-Wright & Batel, 2017).
5.2.2.3 Vertrauen in die Akteure
Das wahrgenommene Vertrauen in die Akteure (z.B. Energieunternehmen, Regierung, Stromnetzbe- treiber, Wissenseinrichtungen) im Zusammenhang mit einem Infrastrukturprojekt stellt einen wichtigen Faktor für die Akzeptanz dar. Personen stützen sich vor allem dann auf das in die Akteure gesetzte Vertrauen ab, wenn es ihnen selbst an Kontrolle über die Risiken und an Wissen fehlt (Siegrist & Cvetkovich, 2000), (Slovic, 1993). Vertrauen beeinflusst die Nutzen- und Risikowahrnehmung, wie auch eine aktuelle Studie aus der Schweiz hinsichtlich 5G zeigt. So führt neben dem objektiven Wis- sen auch das Vertrauen in die 5G-regulierenden Institutionen zu einer geminderten Risikowahrneh- mung (Frey, 2021), die dann wiederum die Akzeptanz von Technologien formen. Das ist vor allem bei öffentlichen Risiken, wie denjenigen, die im Zusammenhang mit Stromleitungen wahrgenommen wer- den, der Fall. Mit zunehmendem Vertrauen in die Akteure steigt die Akzeptanz von Energieinfrastruk- turprojekten sowohl in Bezug auf erneuerbare Energien wie auch in Bezug auf Stromleitungen und - masten (Devine-Wright, 2012). Die Wichtigkeit von Vertrauen und Kontrolle im Hinblick auf die wahr- genommenen Gesundheitsrisiken von den von Stromleitungen ausgehenden EMF wurde in einer von (van Dongen et al., 2013) durchgeführten Studie verdeutlicht. Die Studie zeigte, dass die wahrgenom- mene Kontrolle den Zusammenhang zwischen Vertrauen und wahrgenommenem Risiko von Stromlei- tungen und GSM-Basisstationen abschwächt. Das Vertrauen stellt somit einen wichtigen Faktor im Zu- sammenhang mit der Risikowahrnehmung und der Akzeptanz von Stromleitungen dar, vor allem
dann, wenn die wahrgenommene Kontrolle und das Wissen über die Energieinfrastruktur tief sind. Vertrauensvolle Akteur:innen können mitunter auch als Meinungsführer:innen fungieren. So zeigt eine europäische Studie, dass in der Schweiz die Akzeptanz erneuerbarer Energien und ihrer Infrastruktur gesteigert werden kann, wenn Lokalpolitiker:innen diese befürworten. In Italien zeigt sich ein ähnlich positiver Effekt auf die Akzeptanz, allerdings ist hier die positive Aussprache für erneuerbare Energie und die dazugehörige Infrastruktur von Seiten der EU und der eigenen Regierung massgeblich (Azarova et al., 2019).
5.2.3 Prozedurale Faktoren
Das Vertrauen in Akteure und Betreiber ist auch entscheidend, wenn es um die von der lokalen Bevöl- kerung wahrgenommene Verteilungs- und Prozessgerechtigkeit geht. Je nachdem, wie die Beurtei- lung im Hinblick auf diese Gerechtigkeiten ausfällt, mündet ein Infrastrukturprojekt in Akzeptanz oder Opposition (Renn et al., 1996). Die Verteilungsgerechtigkeit beschreibt die wahrgenommene Gerech- tigkeit in Bezug auf die Verteilung bestimmter Ressourcen, während die Prozessgerechtigkeit in erster Linie die Einbindung der betroffenen lokalen Bevölkerung in Form von Informations- und Partizipati-
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